DAI / Forschung

Deutsches Archäologisches Institut

Die Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts führen Forschungen auf dem Gebiet der Archäologie und ihrer Nachbarwissenschaften durch: Ausgrabungen, Expeditionen und andere Projekte, im Inland, vor allem aber im Ausland.
Die Forschungsergebnisse werden in zahlreichen Publikationen (derzeit jährlich mehr als 60 Bände) vorgelegt. Das Institut unterhält Fachbibliotheken und Phototheken, die der internationalen Wissenschaft zur Verfügung stehen.
Es pflegt die Beziehungen zur internationalen Wissenschaft - zahlreiche bedeutende Fachwissenschaftler aus aller Welt sind Ordentliche und Korrespondierende Mitglieder - und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Es veranstaltet Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit in den Medien.
Das Deutsche Archäologische Institut ist heute eine Bundesanstalt im Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes. Etwa 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind beim Institut tätig.
Das Institut wird von einem Präsidenten geleitet, der nach Maßgabe der Satzung an die Beschlüsse der Zentraldirektion gebunden ist. Der Präsident wird durch einen Generalsekretär vertreten, der ihn insbesondere in wissenschaftsorganisatorischen und wissenschaftspolitischen Aufgaben entlastet.
Die einzelnen Zweiganstalten (Abteilungen und Kommissionen) werden von Direktorinnen und Direktoren geleitet. Diese bilden zusammen mit Präsident und Generalsekretär das Direktorium, dessen Aufgaben durch die Satzung festgelegt sind.
Am 1. Januar 2005 trat eine Neufassung der Satzung des Deutschen Archäologischen Instituts in Kraft. Dies zog eine Neufassung der Satzungen der drei Kommissionen des Instituts nach sich. Die Neufassungen der drei Kommissionssatzungen sind seit dem 7. März 2006 gültig.
Die aus 18 Mitgliedern bestehende Zentraldirektion, der Aufsichtsrat des Instituts, setzt sich aus Vertretern verschiedener archäologischer und altertumskundlicher Fächer zusammen, die überwiegend als Professoren an Universitäten der deutschen Bundesländer tätig sind, ferner gehört ihr der Leiter der Abteilung für Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amtes an. Den Vorsitz führt der Präsident des Instituts. Die Aufgaben der Zentraldirektion sind durch die Satzung festgelegt.
Die Vergabe von Stipendien durch die Zentraldirektion wird durch einen Stipendienausschuss vorbereitet. Die Arbeit des Stipendienausschusses sowie Einzelheiten zu Evaluierungen, Abteilungs- bzw. Kommissionskonferenzen und Abstimmungen sind durch die Geschäftsordnung definiert.
Für die Bereiche Profilbildung in der Forschung, nationale und internationale Vernetzung, Qualitätssicherung, Personalstruktur, wissenschaftliche Dienstleistungsaufgaben, Nachwuchsförderung und Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt hat das Institut Zielvorstellungen entwickelt und diese in einer Zielvereinbarung zwischen dem Präsidenten und dem Direktorium festgelegt.
Die Grundlage der wissenschaftlichen Arbeit der einzelnen Zweiganstalten des Instituts bildet ein Forschungsplan, der die strategischen Entscheidungen zur Schärfung und Weiterentwicklung des Forschungsprofils der einzelnen Abteilungen/Kommissionen wie des Gesamtinstituts beschreibt und begründet.
Aus den Forschungsplänen der Abteilungen/Kommissionen sind übergreifende Forschungsfragen entwickelt worden, sog. Forschungscluster. Diese sollen die wissenschaftliche Arbeit der einzelnen Zweiganstalten des Instituts stärker verknüpfen und auch mit der Arbeit anderer Einrichtungen vernetzen. Die Forschungscluster greifen aktuelle Fragen auf, sind multi- und interdisziplinär ausgerichtet und sollen über das Institut hinaus in die Altertumswissenschaft hineinwirken.
Für die Betreuung und Beratung der Restaurierungsprojekte von Denkmälern im Bereich der DAI Grabungen wurde auf der Zentraldirektionssitzung im Mai 2006 ein Baudenkmalauschuss eingesetzt.


Individuelle Forschungsschwerpunkte

Historische Landeskunde des zentralen und östlichen Mittelmeergebietes
Soziale Konflikte und soziale Integration
Interkulturelle Beziehungen
Geschichtsvorstellungen und kollektive Identitäten
Antike Sozialphilosophie und politische Theorie und ihr Nachleben in der Neuzeit
Antike Raumvorstellungen


Laufende Foschungsprojekte

Fragmente der griechischen Historiker V (Antike Geographen)

Felix Jacoby postulierte in dem Aufsatz Über die Entwicklung der Griechischen Historiographie und den Plan einer neuen Sammlung der griechischen Historikerfragmente (Klio 9 (1909), 80-123) das methodische Prinzip einer neuen Fragmentsammlung. Die Notwendigkeit einer neuen Ordnung resultierte einerseits aus den formalen wie inhaltlichen Mängeln der Fragmentkollektionen C. Müllers (FHG I-V, 1841-1938; GGM I-III, 1855-1861) wie aus dem wissenschaftlichen Bestreben, alle Autoren gattungs- und literaturgeschichtlich genau zu erfassen und zu beurteilen. Felix Jacobys Bände (FGrHist I-III, 1923-1958) sind daher eine unentbehrliche Arbeitsgrundlage für die altertumswissenschaftliche Forschung. Felix Jacoby konnte sein Werk der Fragmente Griechischer Historiker (FGrHist ) selbst nicht mehr vollenden, und schon in den 20er Jahren wurde der Freiburger Gelehrte Friedrich Gisinger mit der Edition der fünften Abteilung betraut. Diese sollte die geographischen Fragmente beinhalten (FGrHist V). Friedrich Gisinger konnte jedoch seine Arbeiten an den Fragmenten bis zu seinem Tod 1964 nicht abschließen. 1996 wurde unter Leitung von Prof. Dr. H.-J- Gehrke mit Finanzierung der DFG am Seminar für Alte Geschichte der Universität Freiburg die Arbeit an FGrHist V erneut aufgenommen. Frau Dr. D. Meyer koordinierte die Fortsetzung des Sammelwerkes und konzipierte einen Mitarbeiterstab. Seit Juni 2002 organisiert nach Antragsstellung Prof. Dr. B. Zimmermanns (Gräzistik) und Prof. Dr. H.-J. Gehrkes A. Arenz die Koordination dieses international angelegten Projektes. Mittlerweile sind an der Edition des fünften Bandes der FGrHist 39 Forscher aus Italien, Frankreich, Spanien, Russland, England, der Schweiz und Deutschland beteiligt. Ziel ist die systematische Zusammenstellung aller fragmentarisch erhaltenen geographischen Autoren in philologisch kritischer und historischer Kommentierung. Den Fragmenten wird zudem eine Übersetzung gegenübergestellt. Der Brill Verlag in Leiden wird die Fragmentsammlung publizieren. Eine Förderung des Projektes seitens der DFG ist bis Juni 2006 vorgesehen.
Ansprechpartner:
Veronica Bucciantini
Tel: +49-(0)30-187711-0
Email: vbu@dainst.de
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 1.6.2002
Kooperationspartner: Universitá degli studi di Firenze Prof. Dr. Serena Bianchetti


European Network

In the past twenty years, scholarship on the history and culture of ancient Greece has changed profoundly. The impact of archeology is transforming the historical views of the archaic and classical era. The written material itself, both literary and epigraphical, is being reassessed in the light of recent theories, including those on orality and literacy. The contacts between Greece and the Near East, and with the mediterranean west and north are reconsidered as having played a formative role in historical developments. Patterns of social life and the interaction between religion and society are reinterpreted from the perspective of comparative anthropology. The application of social and political theory to ancient material changes the understanding of legal and political life.
The fascinating and challenging results of these changes affect the views of scholars in different ways, conditioned among other things by country, language, discipline and institutional affiliation. Moreover, the enormous increase in the number of publications, both to be read and to be made, makes it difficult to keep in touch with all the developments that seem to be most promising for one’s field.
The European Network for the History of Ancient Greece intends to meet these challenges by bringing scholars and scholarship from different areas together.
The Network operates on the basis of the following principles:

  • the network is run by a core-group of 17 members
  • the network is based on personal contact between colleagues and run over internet
  • the core-group meets once a year and invites others to join for specific topics
  • the core-group draws up an agenda of themes to be discussed and invites colleagues for meetings
  • the meetings are devoted to the exchange of work-in-progress without any obligation to publish results, unless the wish to publish is agreed on
  • the network maintains a website for the exchange of information; likewise, in case of publishing, internet publication is considered seriously
  • meetings take place by rotation in different cities/countries
  • the core-group is based in Europe, but colleagues from other countries are welcome at sessions
  • network meetings are to be supported financially by participating institutions/ universities, the European Science Foundation and similar institutions.


Executive Committee of the Network coregroup:
Josine Block (Utrecht), Hans-Joachim Gehrke (Freiburg i.B.), Oswyn Murray (Oxford)

Members of the Network coregroup:
Kostas Buraselis (Athens), Lin Foxhall (Leicester), Maurizio Giangiulio (Trento), André Lardinois (Nijmegen), François Lissarague (Paris), Nino Luraghi (Harvard), Irad Malkin (Tel Aviv), Robin Osborne (Cambridge), Robert Parker (Oxford), Kurt Raaflaub (Brown), Robert Rollinger (Innsbruck), Pauline Schmitt-Pantel (Paris), Rosalind Thomas (Oxford), Marek Wecowski (Warsaw)
For information on the Network, please contact one of the members of the Esecutive Committee

Network meetings:
2001 opening session: Utrecht, Netherlands, April 20-22
supported by the University of Utrecht
2002 session: Launde Abbey., East Norton, Leics., UK, Dec. 12-15, Archaic Greek Culture: the Archaeological and Historical Context of the First Writing in Europe supported by the ESF, Strassburg.
2003 session: Soeterbeeck, Netherlands, Dec. 11-15, Solon: New Historical and Philological Perspectives, supported by NWO, KNAW, Univ. Utrecht, Nijmegen
2004 session: St. Ulrich near Freiburg i. Breisgau, April 21 - 23
2005 session: Brown University, Providence (RI) USA, April 15-17
2006 session: Freiburg i. Breisgau: Conference Intentional History
2007 session: Athens University, April 13-15
2008 session: Trento University, September 05-07


Promotionskolleg “Geschichte und Erzählen”

Herzlich willkommen auf der Startseite des internationalen Promotionskollegs „Geschichte und Erzählen“. Das Kolleg wird vom Zentrum Antike und Moderne (ZAM) getragen und steht in enger Verbindung mit dem Seminar für Alte Geschichte. An diesem Pilotprojekt im Rahmen einer innovativen, strukturierten Graduiertenförderung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg beteiligen sich mehrere geisteswissenschaftliche Fächer. In diesem neuen Modell der Promotionsförderung verknüpft sich die letzte Phase der Bildung und Ausbildung durch und in Wissenschaft mit dem Beginn eigenständiger Forschungs- und Lehrtätigkeit. In der ständigen gedanklichen Verbindung von etablierten Hochschullehrern, die sich als Mentoren verstehen, mit exzellenten Nachwuchswissenschaftlern realisiert sich in spezifischer Weise die Einheit von Forschung und Lehre. Die heutzutage selbstverständliche und in den beteiligten Fächern schon traditionell intensive internationale Kooperation auf der Ebene der Dozierenden wie der Studierenden verstärkt diese Möglichkeit eines für alle und nicht zuletzt für die Wissenschaft förderlichen Gedankenaustausches. Verstärkt wird dieser Diskurs durch die Zusammenarbeit mit dem Promotionskolleg „Lern- und Lebensräume im Mittelalter: Hof, Kloster, Universität. Komparatistische Mediävistik 500-1600“, das seinerseits mit dem jüngst gegründeten Mittelalterzentrum verzahnt ist. Außerdem stehen wir in engem Kontakt mit dem am Historischen Seminar angesiedelten Graduiertenkolleg „Freunde, Gönner, Getreue: Praxis und Semantik von Freundschaft und Patronage in historischer, anthropologischer und kulturvergleichender Perspektive“.
Die Verbindung von Theorie und Praxis greift aber auch über den Rahmen der Universität hinaus, indem den Stipendiaten die Möglichkeit geboten wird, in Form von Praktika erste berufliche Erfahrungen zu sammeln.
Nähere Informationen über das theoretische Fundament und die Architektur des Promotionskollegs, finden Sie in unserem Studienprogramm.


Graduiertenkolleg “Freunde, Gönner, Getreue: Praxis und Semantik von Freundschaft und Patronage in historischer, anthropologischer und kulturvergleichender Perspektive”

Das Graduiertenkolleg soll persönliche, den Familien- und Verwandtschaftskontext überschreitende Nahbeziehungen in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen im Spannungsfeld zwischen symmetrischen Loyalitätsbindungen (Freundschaft von Gleichgestellten) und asymmetrischen Beziehungen (Patronage/Klientel) untersuchen. Nahbeziehungen dieser Art stellen ein offensichtlich universales, in allen Gesellschaften und Kulturen in unterschiedlicher Weise anzutreffendes Phänomen dar. Dies läßt sie geeignet erscheinen, im epochen- und kulturübergreifenden Vergleich analysiert zu werden. Dabei sollen bewußt die Themenkomplexe Freundschaft und Patronage mit einander verbunden werden. Nur so kann einerseits die Genese des modernen Ideals einer streng symmetrischen, von utilitaristischen Erwägungen freien, eher affektiven Freundschaftsbeziehung in ihrem historischen Kontext deutlich werden und andererseits eine Perspektive vermieden werden, die Patronage auch in vormodernen Gesellschaften nur unter instrumentellen Gesichtspunkten sieht. Das Kolleg soll sich thematisch an einer Reihe zentraler Fragen orientieren, die die Semantik von Freundschaft und Patronage, die historischen Konjunkturen der Freundschaft und die besondere Bedeutung interkultureller und geschlechtergeschichtlicher Aspekte ebenso einbeziehen wie die Verbindungen zwischen spezifischen Formen der Freundschaft und der politischen Kultur einer Gesellschaft. Auch die ökonomischen Aspekte solcher Beziehungen (gegenseitige wirtschaftliche Unterstützung) und die sozialen Praktiken, die Freundschaftsbin-dungen durch Gewährleistung von Zuversicht oder Vertrauen Dauerhaftigkeit verleihen, wären näher zu untersuchen. Unter anderem soll dabei gefragt werden, welche Werte und Normen im historischen Wandel und kulturellen Vergleich konstitutiv für die Freundschaft sind und in welchen Situationen Freundschaft und/oder Patronage in ihrer Wechselwirkung mit politischer Herrschaft als illegitim – etwa als Korruption - gelten. Das Projekt soll auch dazu beitragen, die Rolle von Freundschaft in modernen Gesellschaften, die lange Zeit als eher marginales weil rein “privates” Phänomen ohne klaren institutionellen Rahmen galt, in der historischen Langzeitperspektive neu zu bewerten. Der zeitlich und kulturell vergleichenden Perspektive des Forschungsprogramms entsprechend ist auch das Studienprogramm interdisziplinär und international angelegt. Es zeichnet sich durch intensive und innovative Betreuungsstrukturen aus und soll dank klarer Zielvorgaben für den zügigen Abschluß der Arbeiten sorgen.


Konstruktionen Antiker Lebenswelten

In aktuellen Prozessen der Europäisierung und Globalisierung sowie in den darauf bezogenen Diskursen gewinnen Rückgriffe auf die Geschichte zunehmend an Bedeutung. Kulturelle Prägungen und Traditionen, mithin historische Lebenswelten, sind nicht allein Gegenstand historischer Forschung im engeren Sinne, sondern breiterer und lebhafter - auch politischer - Debatten (Stichwort: clash of civilizations). Dabei stehen häufig sehr frühe Stufen der historischen Entwicklung im Blickpunkt.
Im Zentrum stehen die folgenden Fragen: die in der Öffentlichkeit und von der Forschung vorgenommene Instrumentalisierung oder Deutung von Themen der Alten Geschichte und der Frühgeschichtlichen Archäologie und die Dokumentation gegenwärtiger Geschichtskonstruktionen als Prozess der ‘intentionalen Geschichte’; die Präsentation von kultureller Differenz und kulturellen Wechselbeziehungen in populären Darstellungen des Verhältnisses von Griechen und Nichtgriechen (’Barbaren’) vor allem in der Lebenswelt des Hellenismus sowie von Römern und Germanen/Kelten in der Frühgeschichte; das Verhältnis von akademischen und populären Präsentationsformen in den untersuchten Medien; die Wege der Vermittlung von der Wissenschaft an die Öffentlichkeit sowie die eventuelle Rückwirkung populärer Vermittlungsformen auf ursprünglich wissenschaftliche Produktion.
Die Studie wird am Beispiel historischer Lebenswelten in deutschen und französischen Schulbüchern, didaktischen Filmen, Ausstellungen, Museen und Freilichtmuseen durchgeführt (Projektbereich I) sowie anhand neuerer Dokumentarsendungen und Spielfilme (Projektbereich II). Der Forschungsschwerpunkt liegt zunächst bei Projektbereich I, der von Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke (Alte Geschichte) und Prof. Dr. Sebastian Brather (Frühgeschichtliche Archäologie) zusammen betreut wird. Durch die Tätigkeit von H.-J. Gehrke am Deutschen Archäologischen Institut seit März 2008 ergeben sich neue Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen Universität, DAI und in der Geschichtsvermittlung tätigen Medienproduzenten.
Das Projekt ist Teil der an der Universität Freiburg eingerichteten DFG-Forschergruppe “Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart” (Sprecherinnen: B. Korte, Anglistik; S. Paletschek, Geschichte).


Migrationen und Mobilität

Der Migrationsprozess während der spätarchaischen Zeit, als Siedler vom griechischen Festland, den Ägäischen Inseln und Kleinasien an den Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres allenthalben Städte gründeten (ca. 750-550 v. Chr.), zählt zu den großen Umwälzungen der griechischen Geschichte. Als dessen Folge wurden die benachbarten einheimischen Zivilisationen von griechischen Verhaltens- und Denkweisen stark beeinflusst. Dieser Ereignisverlauf, der gewöhnlich als “Griechische” oder gar “Große Kolonisation” bezeichnet wird, bedarf jedoch einer erneuten Betrachtung, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen ist, besonders in den letzten zwanzig Jahren, eine gewaltige und noch immer zunehmende Menge archäologischen Materials zum Vorschein gekommen. Ausgehend von theoretischen Überlegungen und vergleichender Analyse sind zum anderen neue Versuche unternommen worden, ein allgemeines Konzept der griechischen Expansion zu erstellen.
Das Ziel ist, diese innovativen Ideen als Ausgangspunkt zu nehmen und sie unseren traditionellen Quellen sowie den Ergebnissen der jüngeren archäologischen Forschung gegenüber zu stellen, um eine adäquate Zusammenschau des Phänomens “griechische Migration” auszuarbeiten. Diese wird Teil eines neuen Handbuchs über griechische Geschichte sein.


Raum und Macht

Die antiken Raumvorstellungen waren von zwei prinzipiell differenten Perspektiven geprägt, wie in den letzten Jahren durch bahnbrechende Arbeiten (P. Janni, A. Podossinov, F. Prontera) deutlich gemacht, von H.-J. Gehrke weiter entwickelt und teilweise neu fundiert wurde: Eine traditionelle - eindimensionale, an Linien und Markierungen ausgerichtete und insofern “hodologische” - Sicht stand neben einer zweidimensionalen, die Erde als ganze in den Blick nehmenden und insofern geometrischen Perspektive. Erstere dominierte die praktische Bewegung im Raum, letztere war eine Errungenschaft intellektueller Eliten und zunächst nur von theoretischer Bedeutung innerhalb einer als Wissenschaft verstandenen Geographie.
Besonderen wissenschaftlichen Ertrag verspricht nunmehr die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen diesen gestaltet und sich insbesondere der geographische (’wissenschaftliche’) Blickwinkel im politischen Bereich ausgewirkt hat.
In Verbindung mit verschiedenen Spezialisten aus dem In- und Ausland (u. a. P. Arnaud, Nizza; P. Funke, Münster; F. Prontera, Perugia) werden bestimmte Themenfelder ins Auge gefasst, die innovative Forschungen ermöglichen und originelle Ergebnisse versprechen. Dabei geht es insbesondere um das angesprochene Wechselverhältnis zwischen - theoretisch fundierten - Raumkonzepten und - praktisch, vor allem politisch relevanten - Verhaltensweisen und Organisationsformen.
Eine Serie von drei Forschungskonferenzen in der Villa Vigoni wird durch Drittmittel finanziert. Die erste hat vom 5.-9.10.2008 stattgefunden. Die beiden folgenden sind jeweils für Anfang Oktober 2009 bzw. 2010 vorgesehen.


Olympia in seiner Umwelt

Neuere Forschungen zur Geschichte des Heiligtums von Olympia und zur Entwicklung von Elis in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. (u. a. H. Kyrieleis und B. Eder sowie M. Nafissi und H.-J. Gehrke) werfen eine Reihe von Fragen auf und geben damit Anlass zu weiterer Forschung. Generell sollte es vor allem darum gehen, das Heiligtum von Olympia (und damit die dortige Grabung) gleichsam zu kontextualisieren, und zwar in zeitlichem (1) wie räumlichem (2) Sinne:

(1) Das wichtige Thema der Kontinuität, das die Abteilung Athen derzeit am Beispiel von Kalapodi / Abai untersucht, stellt sich angesichts des markanten Neuansatzes in Olympia auf andere Weise. Es geht nicht um Kontinuität im Sinne eines bloßen ‚Weiterlebens’, aber womöglich um die Stiftung (um nicht zu sagen: Konstruktion) von Kontinuität in einer Umbruchsituation. Dies kann, wie zahlreiche Beispiele lehren, so weit gehen, dass hohes Alter und damit lange Linien von Kontinuität lediglich behauptet werden, aber doch nicht völlig ohne Grund, weil die betreffenden Akteure beispielsweise an wahrnehmbare Relikte anknüpfen. Die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität läßt sich auf diese Weise über die schlichte Alternative hin erweitern, was der Komplexität der Konstellationen angemessener ist. Die Forschungen zu Olympia, die unter dieser Fragestellung angegangen werden, könnten damit auch einen wichtigen Beitrag zu der derzeit lebhaft diskutierten generellen Problematik der „invention of tradition“ leisten

(2) Entscheidend ist dabei die Analyse der räumlichen Einbettung, weil ja denkbar ist, dass eine Verlagerung des Kultes (Kontinuität bei Ortswechsel) stattgefunden hat. Das lokale Umfeld ist aber auch generell stärker in den Blick zu nehmen, und zwar in unterschiedlichen Reichweiten: Es ginge um Olympia im engeren (südliches Elis, Pisatis, Triphylien) und im weiteren (Elis, Achaia, Nordwestgriechenland) regionalen Rahmen, darüber hinaus aber auch um Fernbeziehungen in den ‚kolonialen’ Raum, nach Unteritalien und Sizilien vor allem. Damit ließen sich wichtige historische Fragestellungen, etwa nach der Entwicklung von Elis als politischer Gemeinde, nach der Funktion kultischer Zentren innerhalb dieser und nach der Rolle der Fernbeziehungen zu den Apoikien für die dezidiert panhellenische Ausrichtung Olympias, auf wesentlich verbesserter Grundlage angehen.

Aus dieser Zielsetzung ergibt sich, dass die ins Auge zu fassende Periode etwa von der späten Bronzezeit bis in die Klassische Zeit hinein reichen würde. Die komplexe Thematik erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen, insbesondere der Fächer Archäologie und Geschichte. Dabei käme ein ‚Methodenmix’ zum Tragen: einerseits das Studium schriftlicher Quellen und bisher schon bekannter archäologischer Überreste (auch unpublizierter) im Hinblick auf die neuen Fragestellungen, andererseits die Erschließung neuer Materialien durch Surveys und Grabungen, zu der ergänzend naturwissenschaftliche Untersuchungen zur Keramik oder zu Metallen hinzukommen sollten.
Zusammensetzung der Arbeitsgruppe:
Gehrke, Hans-Joachim (DAI Berlin), Koordinator
Baumeister, Peter (DAI Berlin/Athen), Buraselis, Kostas (Universität Athen), Dally, Ortwin (DAI Berlin)
Eder, Birgitta (Universität Freiburg), Heiden, Achim (DAI Athen), Kyrieleis, Helmut (DAI Berlin), Lang, Franziska (Technische Universität Darmstadt), Mustaka, Aliki (Universität Thessaloniki), Nafissi, Massimo (Universität Perugia), Senff, Reinhard (DAI Athen), Valavanis, Panos (Universität Athen)